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02.03.2026 13:00 |
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Der Wahnsinn hat Methode – Energie
und die US-amerikanische Außenpolitik
Der aktuelle Übergang von einer Welt der westlichen
Vorherrschaft hin zu einer multipolaren Ordnung ist von Spannungen,
Konflikten und Kriegen geprägt. Was ist der Zusammenhang zwischen den
aktuellen Konflikten, von Iran über Venezuela bis zur Ukraine? Und hat
Trumps scheinbar erratische Außenpolitik Methode, oder ist sogar das
Chaos die Methode? Ein Vortrag von Thomas Fazi. - Dies ist die
schriftliche Version des Vortrags von Thomas Fazi, italienischer
Journalist und Autor der NachDenkSeiten, am 29. Januar in Berlin
anlässlich.... [Quelle:
nachdenkseiten.de] JWD ... der
Festveranstaltung zur Vorstellung von
Global Geopolitics, einer neuen wissenschaftlichen Fachzeitschrift,
die sich mit internationalen Beziehungen, Machtstrukturen und globalen
strategischen Entwicklungen befasst. Die Veranstaltung stand unter der
Leitung von Prof. Efe Can Gürcan, Chefredakteur von Global Geopolitics,
und wurde in Kooperation mit der Eurasischen Gesellschaft organisiert.
Ein Artikel von
Thomas Fazi |
02. März 2026 | Quelle: nds.de

Screenshot | Quelle:
nachdenkseiten.de
(Der Vortragstext wurde für die Veröffentlichung aus dem Englischen
übersetzt, leicht gekürzt und bearbeitet.)
Vortrag
„Zu Beginn möchte ich betonen, dass es sich bei den aktuellen
geopolitischen Spannungen und Verschiebungen eindeutig nicht um eine
Krise wie viele andere handelt, die die Welt im vergangenen Jahrhundert
oder in früheren Jahrhunderten erlebt hat. Vielmehr befinden wir uns, so
ließe sich argumentieren, mitten in der größten geopolitischen
Transformation der Menschheitsgeschichte. Was wir derzeit beobachten,
ist faktisch das Ende von 500 Jahren westlicher wirtschaftlicher,
politischer und militärischer globaler Hegemonie, die sich in den
vergangenen 30 Jahren nach dem Kalten Krieg in Form einer absoluten und
unangefochtenen US-westlichen globalen Vorherrschaft manifestiert hat.
Diese Welt ist eindeutig vorbei, und die Megatrends hin zu einer
multipolaren Ordnung sind für uns alle klar erkennbar. Wenn nichts
dazwischenkommt, ist die wahrscheinliche Entwicklung dieser globalen
Machtverschiebung relativ leicht vorherzusagen. Wir werden weiterhin den
Aufstieg der nicht-westlichen Welt sowie die relative Schwächung der
Macht und des globalen Einflusses der Vereinigten Staaten und des
westlichen Blocks insgesamt beobachten.
Für den durchschnittlichen westlichen Bürger wäre diese Entwicklung kein
großes Problem. Ich bin der Auffassung, dass die Lebensqualität nicht
unmittelbar mit der relativen globalen Macht eines Landes verbunden ist.
Das Leben in Österreich ist, so denke ich, nach nahezu jedem Maßstab
besser als das in den USA, obwohl das österreichische BIP
(Bruttoinlandsprodukt) nur einen Bruchteil des amerikanischen ausmacht.
Zugleich lässt sich nicht bestreiten, dass in den frühen
Nachkriegsjahrzehnten die Gewinne des Imperiums in vielerlei Hinsicht
bis zu den durchschnittlichen westlichen Bürgern durchsickerten. Ich
denke jedoch, dass dies seit Langem nicht mehr der Fall ist.
Insbesondere, wenn wir auf die Vereinigten Staaten blicken, ist
offensichtlich, dass die Erträge imperialer Macht seit geraumer Zeit im
Wesentlichen nur noch an die oberste Spitze der sozialen und
ökonomischen Pyramide fließen, an die Oligarchie. Heute würde ich
argumentieren, dass nahezu ausschließlich die Wall Street, der
militärisch-industrielle Komplex und Großkonzerne von den endlosen
Kriegen und dem dollarzentrierten System profitieren. Gewöhnliche
Amerikaner haben davon schon lange nicht mehr profitiert und profitieren
auch heute nicht davon. Der durchschnittliche Amerikaner würde aus
meiner Sicht viel mehr von einer Umwandlung seines Landes in einen
„normalen“ Staat profitieren. Ich glaube sogar, dass dies eine
notwendige Voraussetzung für die Demokratisierung der Vereinigten
Staaten ist.
Glücklicherweise für uns westliche Bürger strebt China nicht danach, die
Vereinigten Staaten als globalen Vorherrscher zu ersetzen. Es folgt
vielmehr einem tatsächlich nicht-hegemonialen Weltbild, und es gibt
Jahrhunderte chinesischer Praxis und Literatur, die dies belegen. Das
sind gute Nachrichten. Für die Vereinigten Staaten und die westliche
Oligarchie im weiteren Sinne sind sie jedoch weniger erfreulich. Sie
würden zweifellos zu den Verlierern eines Rückgangs der
US-amerikanischen und westlichen Hegemonie zählen.
Damit gelangen wir zu dem zentralen Problem, mit dem wir heute weltweit
konfrontiert sind: der Unwilligkeit der US-amerikanischen und breiteren
westlichen Eliten, diesen Übergang zur Multipolarität zu akzeptieren –
aus den zuvor genannten materiellen Gründen, aber meines Erachtens auch
aus tief verankerten ideologischen Motiven heraus, aus einem tief
verwurzelten ideologischen Überlegenheitsdenken, das westliche Eliten
prägt und sie in der gegenwärtigen Phase, klinisch gesprochen, nahezu
verrückt erscheinen lässt. Besonders deutlich wird das aus meiner Sicht
hier in Europa. Aus europäischer Perspektive wird Multipolarität oder
auch nur eine eigenständige, nicht-westliche Entwicklung als
existenzielle Bedrohung wahrgenommen. Sie wird zur Sicherheitsbedrohung
umgedeutet. Dies zeigt sich konstant in der Art und Weise, wie darüber
gesprochen wird. Aus der Sichtweise ihrer eigenen Klasseninteressen
heraus ist diese Einschätzung in gewisser Weise nachvollziehbar. Und ich
denke, dass ein Großteil des Chaos und der Gewalt, die wir heute
weltweit beobachten, letztlich darauf zurückzuführen ist.
Ich habe meinen Vortrag mit der Formulierung eingeleitet, „wenn nichts
dazwischenkommt, sei die Entwicklung relativ leicht vorherzusagen“. Doch
was bedeutet „wenn nichts dazwischenkommt“ im gegenwärtigen Zusammenhang
überhaupt, insbesondere dann, wenn der Wandel globaler Natur ist? Wir
beobachten fortwährende Wechselwirkungen und Rückkopplungseffekte.
Deshalb ist die Zukunft keineswegs leicht vorherzusagen. Tatsächlich
leben wir in einer Welt, in der sich kaum noch etwas verlässlich
vorhersagen lässt, nicht einmal die Entwicklungsrichtung dieser
Megatrends. Denn was wir sehen, ist, dass die Vereinigten Staaten und
die westlichen Mächte alles daransetzen, diesen Übergang zur
Multipolarität zu verlangsamen, wenn nicht gar zu blockieren oder
zurückzudrehen, ungeachtet dessen, was politische Akteure wie Mark
Carney inzwischen öffentlich erklären mögen.
Bis zur Präsidentschaft Donald Trumps war die Strategie meines Erachtens
relativ eindeutig: eine Politik der direkten militärischen Eindämmung,
vor allem von Russland und China, was bekanntlich zum noch andauernden
Stellvertreterkrieg in der Ukraine geführt hat. Unter Trump hat das
Imperium seine Strategie verändert. Es passt sich offenkundig an. Zwar
mag es übertrieben erscheinen, im Zusammenhang mit Trump überhaupt von
„Strategie“ zu sprechen, da sein Handeln häufig erratisch und
inkonsistent wirkt. In gewisser Hinsicht trifft das zu. Gleichwohl halte
ich diese scheinbare Unberechenbarkeit zumindest teilweise für
absichtlich eingesetzt. Aus meiner Sicht ist das Chaos selbst
Bestandteil der Strategie: andere Staaten permanent im Unklaren darüber
zu lassen, welcher nächste Schritt erfolgen wird. Es besteht ein
ständiger Widerspruch zwischen Rhetorik und tatsächlichem Handeln;
häufig äußert er gleichzeitig mehrere, einander widersprechende
Positionen.
Möglicherweise interpretiere ich zu viel in Trump hinein, aber ich sehe
darin zumindest teilweise eine bewusste Strategie von ständig
inszeniertem Chaos und Destabilisierung. Es ist keine Strategie im
klassischen Sinne, aber sie erfüllt im Moment ihren Zweck. Das Ziel
besteht aus meiner Perspektive eindeutig darin, die Herausbildung einer
multipolaren Ordnung zu verzögern und diesen Übergangsprozess zu
bremsen. Technisch formuliert: Das gezielte „Stören“ oder
„Durcheinanderbringen“ internationaler Prozesse ist für Trump selbst
Teil der Strategie.
Wenn wir Trumps Handlungen analysieren, erkennen wir deutlich, dass sie
einem Muster folgen; es gibt eine innere Logik. Er greift nicht wahllos
Länder an, sondern zielt auf die Schwachstellen im System seiner Gegner.
Viele Kommentatoren haben nach der Analyse der Nationalen
Sicherheitsstrategie der USA optimistisch festgestellt: „Oh, Trump,
akzeptiert wohl die Multipolarität, da er sich aktiv aus der direkten
Konfrontation mit China zurückzieht. Und dann führt er auch noch
Verhandlungen mit Russland.“ Aber ich halte dies lediglich für eine
taktische Anpassung. Die US-amerikanische Führung weiß, dass die
Vereinigten Staaten derzeit nicht über die Mittel verfügen, um sich
militärisch direkt mit China zu messen. Das Ziel bleibt jedoch, den
Aufstieg Chinas zu verlangsamen, indem die schwachen Glieder des von
China geführten Systems ins Visier genommen werden: Venezuela, Iran –
allesamt Verbündete Chinas und selbstverständlich auch Russlands.
Ich denke, es zeigt sich eine noch kohärentere Strategie, wenn wir etwas
tiefer gehen und uns die Länder ansehen, auf die Trump abzielt. Dazu
würde ich auch die europäischen Staaten selbst zählen – nicht nur wegen
Grönland, sondern aufgrund des langfristigen Bestrebens, Europas
Abhängigkeit von amerikanischem Gas zu verfestigen und Europas frühere
Abhängigkeit von russischem Gas durch eine vollständige Abhängigkeit von
US-amerikanischem Gas zu ersetzen. Dies ist seit Langem ein
strategisches Ziel der Vereinigten Staaten, das inzwischen vollständig
erreicht wurde, und wir erkennen darin ein Muster: All diese
geopolitischen Brennpunkte haben mit Energie zu tun.
Wir wissen alle, dass die Kriege des frühen 21. Jahrhunderts allesamt
mit Energie zu tun hatten. Und trotzdem neigen wir heute dazu, zu
denken, dass Energie nicht mehr der Haupttreiber der US-Außenpolitik
ist, trotz Trumps offener Aussagen wie „Wir werden einfach Venezuelas Öl
nehmen“.
Es geht dabei nicht nur um Venezuela. Wir wissen, dass ein Großteil der
gesamten US-Außenpolitik der Nachkriegszeit darauf ausgerichtet war, die
Ölmärkte sowohl physisch als auch finanziell zu kontrollieren. Dabei
ging es nicht nur darum, Öl für die Vereinigten Staaten selbst zu
sichern, auch wenn dies ein Teilaspekt war, sondern vielleicht noch
wichtiger darum, die Dollarhegemonie über das Petrodollarsystem zu
stützen sowie andere Länder zu kontrollieren, indem man die physischen
und finanziellen strategischen Kontrollpunkte des Ölmarktes beherrschte.
Dadurch konnten die Vereinigten Staaten andere Staaten im Bedarfsfall
durch Sanktionen und andere Mittel von dieser Lebensader der modernen
Wirtschaft abschneiden.
In den vergangenen Jahren hat sich dieses System jedoch langsam
aufgelöst. Staaten außerhalb der Kontrolle der Vereinigten Staaten –
Venezuela, Iran, Russland – haben die Welt zunehmend mit Öl und Gas
versorgt, ohne sich amerikanischen Vorgaben zu unterwerfen, und tun dies
auch immer häufiger außerhalb des dollarzentrierten Finanzsystems. Auf
diese Weise haben sie zugleich Chinas rasanten Aufstieg befördert. Dies
stellt auf mehreren Ebenen eine Bedrohung für die US-Hegemonie dar. Es
schwächt die Dollarhegemonie, aber vielleicht noch wichtiger: Es nimmt
den Vereinigten Staaten die Möglichkeit, Energie als Instrument
wirtschaftlicher und politischer Kontrolle und Erpressung einzusetzen –
eine Praxis, die sie historisch stets verfolgt haben.
Ich denke daher, dass in den Planungsstäben der Vereinigten Staaten,
lange vor Trump und bereits seit geraumer Zeit, die Entscheidung
gefallen ist, die Kontrolle über die physischen und finanziellen
Energieflüsse wiederherzustellen. Dabei geht es heute selbstverständlich
nicht nur um Öl, sondern ebenso um Gas und andere strategische
Ressourcen. Betrachtet man die verschiedenen US-Interventionen sowie die
von den USA geführten oder initiierten Kriege, also nicht nur Venezuela,
sondern auch Iran und selbst den Stellvertreterkrieg in der Ukraine,
ebenso wie den Druck auf Europa, sich vom russischen Gas abzukoppeln –
was meines Erachtens von Beginn an eines der Ziele dieses
Stellvertreterkrieges war –, so lässt sich ein roter Faden erkennen: die
Wiedererlangung der Kontrolle über Energieflüsse.
In diesem Sinne sind offizielle Gegner selbstverständlich Zielscheiben,
doch auch sogenannte Verbündete geraten ins Visier. Europa ist innerhalb
dieser Strategie selbst ein Zielobjekt. Wir sehen deutlich, wie Trump
Europas Abhängigkeit, konkret die Abhängigkeit von amerikanischen
Energieexporten, politisch instrumentalisiert und diese Abhängigkeit
ausdrücklich als Druckmittel einsetzt, um politische Ziele
durchzusetzen.
Abschließend stellt sich die zentrale Frage: Wird diese Strategie
funktionieren? Ich weiß es nicht. Bisher waren die Vereinigten Staaten
meines Erachtens recht erfolgreich. Europa dazu zu bewegen, in seiner
Energiepolitik eine 180-Grad-Wende zu vollziehen, weg von günstigem,
verlässlichem Gas aus der unmittelbaren Nachbarschaft hin zu deutlich
teurerem, weniger verlässlichem und politisch instrumentalisierbarem Gas
aus den USA, ist eine bemerkenswerte Leistung für ein Land, dem oft
erratisches Handeln und strategische Orientierungslosigkeit unterstellt
werden. Auch der Sturz Maduros sowie der Aufbau der Drohkulisse
gegenüber dem Iran waren bisher erfolgreich.
Ich möchte zum Ende anmerken, dass ich in pro-multipolaren Kreisen
häufig ein gewisses übermäßiges Vertrauen wahrnehme: die Annahme, dass
die Entwicklung hin zur Multipolarität letztlich unaufhaltsam sei und
die USA nichts Entscheidendes dagegen unternehmen könnten, dass sie sie
vielleicht etwas verlangsamen, aber nicht wirklich aufhalten könnten. Da
bin ich mir nicht so sicher. Denn wenn wir von einer neuen
internationalen Ordnung sprechen, ob man sie nun multipolar oder
polyzentrisch nennt, dann erfordert sie, wie der Begriff bereits
impliziert, ein gewisses Maß an Ordnung. Wenn die Vereinigten Staaten
und ihre Verbündeten jedoch auf dauerhafte Unordnung und
Destabilisierung setzen, können sie den BRICS-Staaten erhebliche
Schwierigkeiten bereiten, und ich denke, genau das geschieht bereits.
Daher bin ich mir nicht sicher, ob Chinas Ansatz, um jeden Preis eine
Konfrontation mit den USA zu vermeiden, sich langfristig auszahlen wird.
Doch das wird letztlich die Zeit zeigen.
Übersetzung aus dem Englischen: Tunç Akkoç
Titelbild: © Tunç Akkoç
Link zum Originaltext
bei ' nachdenkseiten.de '
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